ZWEITES KAPITEL
Der Austauschprozeß
[37] Im 12., durch seine Frömmigkeit so berufenen Jahrhundert, kommen unter diesen Waren oft sehr zarte Dinge vor. So zählt ein französischer Dichter jener Zeit unter den Waren, die sich auf dem Markt von Landit einfanden, neben Kleidungsstoffen, Schuhen, Leder, Ackergeräten, Häuten usw. auch "femmes folles de leur corps"[1*] auf.
[38] Proudhon schöpft erst sein Ideal der Gerechtigkeit, der justice éternelle[2*], aus den der Warenproduktion entsprechenden Rechtsverhältnissen, wodurch, nebenbei bemerkt, auch der für alle Spießbürger so tröstliche Beweis geliefert wird, daß die Form der Warenproduktion ebenso ewig ist wie die Gerechtigkeit. Dann umgekehrt will er die wirkliche Warenproduktion und das ihr entsprechende wirkliche Recht diesem Ideal gemäß ummodeln. Was würde man von einem Chemiker denken, der, statt die wirklichen Gesetze des Stoffwechsels zu studieren und auf Basis derselben bestimmte Aufgaben zu lösen, den Stoffwechsel durch die "ewigen Ideen" der "natu-
[1*] "Frauen mit feurigem Körper" - [2*] ewigen Gerechtigkeit{100}
ralié"[1*] und der "affinité"[2*] ummodeln wollte? Weiß man etwa mehr über den "Wucher", wenn man sagt, er widerspreche der "justice éternelle" und der "équité éternelle"[3*] und der "mutualité éternelle"[4*] und andren "vérités éternelles"[5*], als die Kirchenväter wußten, wenn sie sagten, er widerspreche der "grâce éternelle", der "foi éternelle", der "volonté éternelle de dieu"[6*]?
[39] "Denn zweifach ist der Gebrauch jedes Guts. - Der eine ist dem Ding als solchem eigen, der andre nicht, wie einer Sankale, zur Beschuhung zu dienen und austaushbar zu sein. Beides sind Gebrauchswerte der Sandale, denn auch wer die Sandale mit dem ihm Mangelnden, z. B. der Nahrung austauscht, benutzt die Sandale als Sandale. Aber nicht in ihrer natürlichen Gebrauchsweise. Denn sie ist nicht da des Austausches wegen."(Aristoteles,"De Rep.", l.I, c. 9.)
[1*] "Natürlichkeit" - [2*] "Verwandtschaft" - [3*] "ewigen Billigkeit" - [4*] "ewigen Gegenseitigkeit" - [5*] "ewigen Wahrheiten" - [6*] "ewigen Gnade", dem "ewigen Glauben", dem "ewigen Willen Gottes"{101}
"Illi unum consilium habent et virtutem et potestatem suam bestiae tradunt. Et ne quis possit emere aut vendere, nisi qui habet characterem aut nomen bestiae, aut numerum nomisis ejus."[1*](Apokalypse)Der Geldkristall ist ein notwendiges Produkt des Austauschprozesses, worin verschiedenartige Arbeitsprodukte einander tatsächlich gleichgesetzt
[1*] "Die haben eine Meinung und werden ihre Kraft und Macht geben dem Tier, daß niemand kaufen oder verkaufen kann, er habe denn das Malzeichen, nämlich den Namen des Tiers oder die Zahl seines Namens."{102}
[40] Danach beurteile man die Pfiffigkeit des kleinbürgerlichen Sozialismus, der die Warenproduktion verewigen und zugleich den "Gegensatz von Geld und Ware", also das Geld selbst, denn es ist nur in diesem Gegensatze, abschaffen will. Ebensowohl könnte man den Papst abschaffen und den Katholizismus bestehen lassen. Das Nähere hierüber sieh in meiner Schrift "Zur Kritik der Pol. Oekonomie", p. 61 sqq.[1*]
[41] Solange noch nicht zwei verschiedne Gebrauchsgegenstände ausgetauscht, sondern, wie wir das bei Wilden oft finden, eine chaotische Masse von Dingen als Äquivalent für ein Drittes angeboten wird, steht der unmittelbare Produktenaustausch selbst erst in seiner Vorhalle.
[1*] Siehe Band 13 unserer Ausgabe, S.66ff.{103}
[42] Karl Marx, l. c. p. 135.[1*] "Die Metalle...sind von Natur Geld."(Galiani, "Della Moneta" in Custodis Sammlung, Parte Moderna, t. III, p. 137.)
[43] Das Nähere darüber in meiner eben zitierten Schrift, Abschnitt: "Die edlen Metalle".
[44] "Das Geld ist die allgemeine Ware."(Verri, l. c. p. 16.)
[1*] Siehe Band 13 unserer Ausgabe, S.131{105}
[45] "Silber und Gold an sich, die wir mit dem allgemeinen Namen Edelmetall bezeichnen können, sind im...Werte...steigende und fallende...Waren...Dem Edelmetall kann man dann einen höheren Wert zuerkennen, wenn ein geringeres Gewicht davon eine größere Menge des Produkts oder Fabrikats des Landes etc. kauft."([S. Clement,]"A Discourse of the General Notions of Money, Trade, and Exchange, as they stand in relations to each other. By a Merchant", Lond. 1695, p. 7.)"Silber und Gold, gemünzt oder ungemünzt, werden zwar als Maßstab für alle anderen Dinge gebraucht, sind aber nicht weniger eine Ware als Wein, Öl, Tabak, Tuch oder Stoffe."([J. Child,]"A Discourse concerning Trade, ant that in particular of the East-Indies etc.", London 1689, p. 2.)"Vermögen und Reichtum des Könegreiches können genaugenommen nicht auf Geld beschränkt, noch können Gold und Silber als Waren ausgeschlossen werden."(Th. Papillon,]"The East India Trade a most Profitable Trade", London 1677, p. 4.){106}
[46] "Gold und Silber haben Wert als Metalle, bevor sie Geld sind."(Galiane, l. c. [p. 72.]) Locke sagt:"Die allgemeine Übereinstimmung der Menschen legte dem Silber, wegen seiner Qualitäten, die es zum Geld geeignet machten, einen imaginären Wert bei."[John Locke,"Some Considerations etc.", 1691, in "Works", ed. 1777, v. II, p. 15.] Dagegen Law:"Wie könnten verschiedne Nationen irgendeiner Sache einen imaginären Wert geben...oder wie hätte sich dieser imaginäre Wert erhalten können?" Wie wenig selbst aber von der Sache verstand:"Das Silber tauschte sich aus nach dem Gebrauchswert, den es hatte, also nach seinem wirklichen Wert; durch seine Bestimmung als Geld erhielt es einen zuschüssigen Wert(une valeur additionnelle)."(Jean Law,"Considérations sur le numéraire et le commerce" in E. Daires Édit. der "Économistes Financiers du XVIII. siécle", p. 469, 470.)
[47] "Das Geld ist ihr"(der Waren)"Zeichen."(V. de Forbonnais,"Éléments du Commerce", Nouv. Édit. Leyde 1766, t. II, p. 143.)"Als Zeichen wird es von den Waren angezogen."(l. c. p. 155.)"Das Geld ist Zeichen für eine Sache und vertritt
sie."(Montesquieu,"Esprit des Lous", Oeuvres, Lond. 1767, t. II, p. 3.)"Das Geld ist nicht bloßes Zeichen, denn es ist selbst Reichtum; es vertritt nicht die Werte, es ist ihr Äquivalent."(Le Trosne, l. c. p. 910.)"Betrachtet man den Begriff des Werts, so wird die Sache selbst nur als ein Zeichen angesehn, und sie gilt nicht als sie selber, sondern als was sie wert ist."(Hegel, l. c. p. 100.) Lange vor den Ökonomen brachten die Juristen die Vorstellung von Geld als bloßem Zeichen und dem nur imaginären Wert der edlen Metalle in Schwung, im Sykophantendienst der königlichen Gewalt, deren Münzverfälschungsrecht sie das ganze Mittelalter hindurch auf die Traditionen des römischen Kaiserreichs und die Geldbegriffe der Pandekten stützten."Niemand kann und darf Zweifel hegen", sagt ihr gelehriger Schüler, Philipp von Valois, in einem Dekret von 1346,"daß nur Uns und Unserer königlichen Majestät zukommt...das Münzgeschäft, die Herstellung, die Beschaffenheit, der Vorrat und alle die Münzen betreffenden Verordnungen, sie so und zu solchem Preis in Umlauf zu setzen, wie es Uns gefällt und gutdünkt." Es war römisches Rechtsdogma, daß der Kaiser den Geldwert dekretiert. Es war ausdrücklich verboten, das Geld als Ware zu behandeln. "Geld jedoch zu kaufen soll niemand gestattet sein, denn zum allgemeinen Gebrauch geschaffen, darf es nicht Ware sein."Gute Auseinandersetzung hierüber von G. F. Pagnini,"Saggio sopra il giusto pregio delle cose", 1751, bei Custodi, Parte Moderna, t. II. Namentlich im zweiten Teil der Schrift polemisiert Pagnini gegen die Herren Juristen.{107}
[48] "Wenn jemand eine Unze Silber aus dem Innern der Erde Perus in derselben Zeit nach London bringen kann, die er zur Produktion eines Bushel Korn brauchen würde, dann ist das eine der natürliche Preis des anderen; wenn er nun durch Abbau neuer und ergiebigerer Bergwerke statt der einen zwei Unzen Silber mit dem gleichen Aufwand gewinnen kann, wird das Korn bei einem Preis von 10 Shillling pro Bushel ebenso billig sein wie vorher bei einem Preis von 5 Shilling, caeteris
paribus[1*]."(William Petty,"A Treatise of Taxes and Contributions", Lond. 1667, p.31.)
[49] Nachdem Herr Professor Roscher uns belehrt:"Die falschen Definitionen von Geld lassen sich in zwei Hauptgruppen teilen: solche, die es für mehr, und solche, die es für weniger halten als eine Ware", folgt ein kunterbunter Katalog von Schriften über das Geldwesen, wodurch auch nicht die entfernteste Einsicht in die wirkliche Geschichte der Theorie durchschimmert, und dann die Moral: "Zu leugnen ist übrigens nicht, daß die meisten neueren Nationalökonomen die Eigentümlichkeiten, welche das Geld von andren Waren unterscheiden"(also doch mehr oder weniger als Ware?), "nicht genug im Auge behalten haben...Insofern ist die halbmerkantilistische Reaktion von Ganilh etc. nicht ganz unbegründet."(Wilhelm Roscher,"Die Grundlagen der Nationalökonomie", 3. Aufl., 1858, p. 207-210.) Mehr - weniger - nicht genug - insofern - nicht ganz! Welche Begriffsbestimmungen! Und dergleichen eklektische Professoralfaselei tauft Herr Roscher bescheinden "die anatomisch-physiologische Methode" der politischen Ökonomie! Eine Entdeckung ist ihm jedoch geschuldet, nämlich, daß Geld "eine angenehme Ware" ist.
[1*] unter sonst gleichen Umständen{108}
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